Wer schon einmal ein Arbeitszeugnis erhalten hat, ist vermutlich auf Formulierungen gestoßen, die positiv klingen, aber dennoch Fragen aufwerfen. Sätze wie „er erledigte seine Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit“ oder „sie zeigte stets Interesse an ihren Tätigkeiten“ sind klassische Beispiele der sogenannten Zeugnissprache. Hinter diesen Formulierungen stehen häufig sogenannte Zeugniscodes, die seit Jahrzehnten genutzt werden, um Leistungen und Verhalten von Mitarbeitenden differenziert zu bewerten.
Doch die Zeiten ändern sich. Während Zeugniscodes lange als fester Bestandteil qualifizierter Arbeitszeugnisse galten, wird ihre Verwendung heutzutage zunehmend kritisch betrachtet. Arbeitnehmende wünschen sich mehr Transparenz, Unternehmen setzen verstärkt auf moderne Recruiting-Methoden und auch die Rechtsprechung fordert klare und verständliche Zeugnisse. Die Frage lautet deshalb: Haben Zeugniscodes in der modernen Arbeitswelt überhaupt noch eine Zukunft?
Inhalt:
- Was sind Zeugniscodes?
- Warum wurden Zeugniscodes eingeführt?
- Kritikpunkt 1: Fehlende Transparenz
- Kritikpunkt 2: Widerspruch zum Gebot der Zeugnisklarheit
- Kritikpunkt 3: Gefahr von Fehlinterpretationen
- Moderne Recruiting-Prozesse machen Zeugniscodes weniger relevant
- Gen-Z und der Wunsch nach ehrlichem Feedback
- Die Zukunft des Arbeitszeugnisses
- Zusammenfassung
Was sind Zeugniscodes?
Zeugniscodes sind standardisierte Formulierungen im Arbeitszeugnis, die Personalverantwortlichen eine differenzierte Bewertung von Leistung, Verhalten und Fachkompetenz ermöglichen sollen. Entstanden sind sie aus dem Spannungsfeld zwischen zwei rechtlichen Grundsätzen: dem Wahrheitsgebot und dem Wohlwollensgebot. Ein Zeugnis muss einerseits den Tatsachen entsprechen, andererseits darf es das berufliche Fortkommen der Mitarbeitenden nicht unnötig erschweren.
Die Folge war die Entwicklung einer eigenen Zeugnissprache. Kleinste Unterschiede in der Formulierung entscheiden dabei über die tatsächliche Bewertung:
- „Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ = Sehr gut
- „Stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ = Gut
- „Zu unserer vollen Zufriedenheit“ = Befriedigend
- „Zu unserer Zufriedenheit“ = Ausreichend
- „Er bemühte sich“ = Ungenügend
Für erfahrene Recruiter sind diese Abstufungen meist leicht erkennbar. Für Arbeitnehmende hingegen bleiben sie oft schwer verständlich.
Warum wurden Zeugniscodes eingeführt?
Die Zeugnissprache entwickelte sich über Jahrzehnte als praktische Lösung für Arbeitgeber. Offene Kritik in Arbeitszeugnissen war und ist problematisch, da Zeugnisse grundsätzlich wohlwollend formuliert werden sollen. Gleichzeitig besteht ein berechtigtes Interesse zukünftiger Arbeitgebender an einer realistischen Leistungsbeurteilung. Zeugniscodes ermöglichten eine Gratwanderung. Sie machten differenzierte Bewertungen möglich, ohne Arbeitnehmende direkt negativ darzustellen. Für viele Jahre galt dieses System als akzeptierter Standard in Personalabteilungen. Doch genau dieser indirekte Kommunikationsstil wird mittlerweile zunehmend hinterfragt.
Kritikpunkt 1: Fehlende Transparenz
Der wahrscheinlich größte Kritikpunkt an Zeugniscodes ist ihre mangelnde Transparenz. Ein Arbeitszeugnis sollte für alle Beteiligten verständlich sein, insbesondere für die Person, über die das Zeugnis erstellt wurde.
In der Praxis ist dies häufig nicht der Fall. Viele Arbeitnehmende erkennen nicht, welche tatsächliche Bewertung sich hinter bestimmten Formulierungen verbirgt. Was für Laien wie ein Lob klingt, kann für Personalexpertinnen und -experten eine eher mittelmäßige oder sogar schlechte Beurteilung darstellen.
Diese Intransparenz führt immer wieder dazu, dass Beschäftigte ihr Zeugnis prüfen lassen. Allein die Existenz eines umfangreichen Marktes für Zeugnisanalysen zeigt, wie schwer verständlich die traditionelle Zeugnissprache häufig ist.
Kritikpunkt 2: Widerspruch zum Gebot der Zeugnisklarheit
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ergibt sich aus den gesetzlichen Vorgaben. Gemäß §109 Gewerbeordnung müssen Arbeitszeugnisse klar und verständlich formuliert sein. Formulierungen, die bewusst eine andere Aussage transportieren sollen als die, die sich aus dem Wortlaut ergibt, sind unzulässig.
Das Gesetz richtet sich ausdrücklich gegen sogenannte Geheimcodes. Arbeitgebende dürfen keine versteckten Kennzeichnungen oder bewusst verschleierten Botschaften verwenden. Darüber hinaus haben Gerichte mehrfach bestätigt, dass Arbeitszeugnisse keine Merkmale enthalten dürfen, die eine verdeckte Bewertung ermöglichen.
Genau hier entsteht ein Spannungsfeld. Während klassische Zeugnisnoten weiterhin weitgehend akzeptiert werden, geraten verschachtelte oder doppeldeutige Formulierungen zunehmend in die Kritik.
Kritikpunkt 3: Gefahr von Fehlinterpretationen
Ein oft unterschätztes Problem besteht darin, dass Zeugniscodes nicht immer einheitlich angewendet werden. Nicht alle Vorgesetzten kennen die Feinheiten der Zeugnissprache und nicht jedes Unternehmen verfügt über spezialisierte HR-Expertinnen und -Experten.
Dadurch können Formulierungen entstehen, die unbeabsichtigt eine andere Aussage vermitteln als ursprünglich geplant. Eine Recruiterin interpretiert eine Passage möglicherweise negativ, obwohl der ausstellende Arbeitgeber keinerlei kritische Bewertung beabsichtigt hatte.
Für Bewerbende kann dies erhebliche Nachteile bedeuten. Eine ungenaue Formulierung im Zeugnis kann die Chancen auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch beeinflussen, obwohl die tatsächliche Arbeitsleistung deutlich besser war.
Moderne Recruiting-Prozesse machen Zeugniscodes weniger relevant
Hinzu kommt, dass Arbeitszeugnisse heute längst nicht mehr die Bedeutung haben wie noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Moderne Recruiting-Prozesse setzen zunehmend auf andere Instrumente:
- Strukturierte Interviews
- Kompetenzanalysen
- Arbeitsproben
- Online-Assessments
- Referenzen
- Business-Netzwerke wie LinkedIn
Unternehmen möchten Kompetenzen heute häufig direkt überprüfen, statt ausschließlich auf frühere Bewertungen zu vertrauen. Dadurch sinkt auch die Relevanz verschlüsselter Zeugnisformulierungen.
Viele Personalverantwortliche betrachten das klassische „Entschlüsseln“ von Arbeitszeugnissen inzwischen als wenig effizient. Stattdessen gewinnen konkrete Leistungen, messbare Erfolge und nachvollziehbare Kompetenzen an Bedeutung.
Gen Z und der Wunsch nach ehrlichem Feedback
Besonders jüngere Arbeitnehmende erwarten heute eine offene Feedback-Kultur. Regelmäßige Gespräche, transparente Leistungsbewertungen und direkte Kommunikation haben in vielen Unternehmen die traditionelle Beurteilungskultur bereits abgelöst.
Vor diesem Hintergrund wirken Zeugniscodes oftmals wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Kritik möglichst indirekt formuliert werden musste. Die Generation Z legt großen Wert auf Authentizität und Nachvollziehbarkeit. Eigenschaften, die mit verschlüsselten Formulierungen nur schwer vereinbar sind.
Die Zukunft des Arbeitszeugnisses
Das bedeutet nicht, dass Arbeitszeugnisse verschwinden werden. Vielmehr zeichnet sich ein Trend zu klareren Aussagen und stärker individualisierten Bewertungen ab. Moderne Zeugnisse beschreiben zunehmend konkrete Erfolge, Verantwortungsbereiche und Kompetenzen, statt sich ausschließlich auf standardisierte Floskeln zu stützen.
Für Unternehmen bietet dieser Ansatz mehrere Vorteile:
- Höhere Transparenz
- Weniger Missverständnisse
- Geringeres rechtliches Risiko
- Positiveres Employer Branding
- Bessere Akzeptanz bei Mitarbeitenden
Gleichzeitig profitieren Bewerbende von verständlichen und nachvollziehbaren Aussagen über ihre tatsächlichen Leistungen.
Zusammenfassung
Die klassische Zeugnissprache hat über viele Jahrzehnte eine wichtige Funktion erfüllt. Sie ermöglichte es Arbeitgebenden, den Spagat zwischen Wahrheit und Wohlwollen zu meistern. Doch die Anforderungen der modernen Arbeitswelt verändern sich.
Heute stehen Transparenz, Verständlichkeit und Authentizität stärker im Fokus als verschlüsselte Botschaften. Zudem verlangt das Gesetz ausdrücklich klare und verständliche Zeugnisse.
Für Unternehmen bedeutet das, Arbeitszeugnisse stärker an den tatsächlichen Informationsbedürfnissen von Bewerbenden und Recruiterinnen und Recruitern auszurichten. Die Zukunft gehört weniger geheimen Zeugniscodes als vielmehr klaren, ehrlichen und nachvollziehbaren Leistungsbewertungen.